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Nachts im Zug
Ratternd und quietschend kam der Zug in den Bahnhof. Die Bremsgeräusche übertönten alles andere, den plätschernden Regen, die Musik aus meinen Kopfhörern und selbst die hastigen Schritte auf der Treppe. Als sich die Tür mit lauten Dampfablassen öffneten, stieg ich in die Bahn ein. Die Lichter des Bahnhofs spiegelten sich in den Fensterscheiben. Dennoch schien es wie eine andere Welt, außerhalb des Zuges. Er setzte sich langsam in Bewegung. Die Lichter verschwammen zu einem einzigen hellen Streifen und verschwanden schließlich ganz. Felder lagen in Dunkelheit, so weit weg. In der Bahn selber leuchtete das Licht hell. Ich hielt mir die Hand vor meine Augen. Noch auf dem Bahnsteig und im kalten Regen war es soviel dunkler gewesen. Eine andere Welt. Ich ließ mich auf einem leeren Sitzplatz nieder, drehte meine Musik lauter. Metal, es passte so gar nicht zu dem langsamen Treiben der Bahn. Leute drehten sich zu mir um, warfen mir genervte Blicke zu. Ich drehte die Lautstärke wieder runter. Schließlich schaltete ich sie komplett ab. Immer noch hörte ich das Sirren der E-gittaren in meinem Kopf. Ich blickte aus dem Fenster hinaus, in die grenzenlose Weite dahinter. Verborgen in der Dunkelheit lag alles. Nachts schien es so unendlich, so grenzenlos.
Der Zug fuhr immer weiter. Die Landschaft veränderte sich wieder. Erneut verbargen verschwommene Lichter den Blick. Ein Husten durchbrach die Stille. Wie zu erwarten drehten sich alle um, sahen ihn an, so anklagend. Ich fragte mich, warum alle es machten. Ich tat es selber ja auch. Vermutlich war es sonst zu still. Die lauten Ansagen nahm man kaum noch wahr. Selbst der Regen schien verstummt, gefangen in einer anderen Welt. Niemand redete, alle schwiegen. Sie sahen nur. Sahen nur eine Maske, ein Kostüm eines anderen Menschen. Eine leere Hülle. Sie fühlten nicht, saßen kalt da. Jeder Blick eine Anklage, eine Anklage ohne Gerechtigkeit, eine Anklage nur weil man anders ist. Anders als die Anderen, wie Licht in der Dunkelheit. Würde es anders sein, wenn sie sich kennen würden, etwas über Einander wissen würden? Ich weiß es nicht. Ich vermute aber schon. Ein Mensch, den man kennt, betrachtet man nicht als Leere Hülle. Ein Mensch der fühlen kann, betrachtet man nicht als Maske. War es nicht im Krieg genauso? Sah man nicht nur Leere Hüllen und Masken? Wesen, die nicht fühlen können, die man nicht kennt und nie kennen kann. Würde man einen Freund einfach so umbringen, seinen Nachbarn oder seine Kollegen? Eine einzige Frage schwirrte in meinem Kopf herum: Warum? Immer wieder erklang die Frage in meinen Gedanken. Wieder hustete jemand. Ich sah auf. Alle starrten mich an, sahen mich anklagend an. Warum?
Erneut quietschten die Zugbremsen. Ich stand auf, verließ den Zug. Verließ diese kalte Welt ohne Gefühle. Immer noch in meinen Gedanken schwirrte diese eine Frage. Warum?
20:02:20 . 18 Jan 2009
White Pearl · 101 mal angesehen · 1 Kommentar

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http://xmls.mummyblog.com/XMLS-b1/Nachts-im-Zug-b1-p12.htm

Kommentare

Kommentar von: instinct///kill3r [ Mitglied ]
eine geschichte die einen zum nachdenken anregt :D
   19.01.09 @ 14:14:03

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